Franz Kafka: Das Urteil

Über den Verlust der Zeit

Interpretationen zu Franz Kafkas kurzer Erzählung "Das Urteil" gibt es wie Sand am Meer. Woran es ihnen mangelt, ist  der klare Durchblick. Die hier vorliegende  Darstellung folgt dem roten Faden der kafkaesken Handlung. Daraus ergeben sich mehrdimensionale Interpretationsmöglichkeiten, die vielfältige Perspektiven auf Kafkas Werk eröffnen, aber auch Beliebigkeit ausschließen.

Inhalt

 

Vorwort

1. Keine Interpretation!

2. Die Schwimmkünste des Autors sind irrelevant

3. Die Geschichte: ihr Ende

4. Die Geschichte: ausgelöste Emotionen

5. Die Geschichte: Indizien

6. Die Geschichte: Verdrängung

7. Der Kommentar des Autors

8. Der problematische Vater

9. Der „rote Faden“: Zeit

10. Der teuflische Mensch

11. Kafkas Transzendenzoffenheit

12. Interpretation

 

Vorwort

 

Wer bei einem Text „durchblickt“ hat hermeneutisch, d.h. verständnis- und auslegungsmäßig festen Boden unter den Füßen. Außerdem wird der Text dann leichter zum geistigen Eigentum. Das Gedächtnis identifiziert ganze „Gestalten“ und speichert sie unter verschiedenen Aspekten, mehrfach (redundant) ab. Deswegen erklärt dieser „Spickzettel“ den inneren Kern von Kafkas Erstlingswerk Das Urteil. Im Gegensatz zu den echt „kafkaesken“ Ereignissen der Handlung verläuft dieser „rote Faden“ mehr unter der Oberfläche, aber keineswegs verborgen, sondern immer noch gut sichtbar. Schließlich wird die Erzählung durch ihn sozusagen zusammengenäht. Man muss ihn nur erkennen, wobei es nicht darum geht, den Inhalt aufzutrennen und in seine Einzelteile zu zerlegen. Es geht vielmehr darum, die Geschichte Georg Bendemanns zu verstehen, vielleicht sogar besser als ihr Autor selbst sie verstand. Im Zentrum dieses „Spickzettels“ steht eine tabellarische Auflistung, die das Muster des „roten Fadens“ offenbart. Eines roten Fadens übrigens, der sich im gesamten Werk Kafkas wiederfindet. Insofern stellt das Verständnis des Urteils einen Schlüssel zu Kafkas Werk überhaupt dar. Nicht zuletzt hat uns der Text etwas Wichtiges mitzuteilen, mehr als die Beschreibung von Absurditäten und Sinnlosigkeiten, die wir sogar nach Kafka benennen.

1. Keine Interpretation!

 

Ein Dilemma der Geistes – bzw. Literaturwissenschaft ist, dass sie noch nicht einmal den Unterschied zwischen der Analyse des Bedeutungszusammenhangs eines Textes (der sprachlichen Daten und ihrer Struktur) und der Interpretation kennt – oder jedenfalls nicht beherzigt.

Zwar ist es letzten Endes unvermeidlich, dass sich irrationale Standpunkte, von den unbewussten Emotionen bis hin zu weltanschaulichen Ursprungsfragen, in eine Lektüre hineindrängen und selbstverständlich ist ein bedeutender Text nicht eindimensional angelegt sondern lässt mehrere Perspektiven zu, gleichwohl gibt es Auslegungsgrenzen.  Anders ausgedrückt: Interpretationsvielfalt ist gut und schön, jedem sozusagen sein Ding, auf einem anderen Blatt steht, wie ein Text gestrickt ist, wo die Fäden zusammenlaufen und welche Story wir letztlich wirklich vor uns haben.  Hier gibt es oft weniger Spielräume, als man gemeinhin annimmt und insbesondere als sich die Literaturwissenschaft herausnimmt.

Die Prof(i)s etablieren ihre weit auseinanderdriftenden Positionen gerne dadurch, dass sie literatur- oder geisteswissenschaftliche Theorien, literarische Intertextualität, Briefe des Autors oder seine Biografie hinzuziehen und die Auseinandersetzung mit dem Text auf ein fremdes, von ihnen definiertes und dominiertes Terrain umleiten. Vielleicht braucht man das eine oder andere davon sogar mitunter, es handelt sich dann indes um Hilfskonstruktionen, die sich keinesfalls in den Vordergrund schieben dürfen oder womöglich gar deutungsleitend werden. Genau das aber, das  Auftürmen von weiterem Textmaterial, ist indes eher die Regel, freilich ein Zeichen von Ratlosigkeit. Stattdessen wäre es angebracht, dem Autor genau zuzuhören und scharf über das nachzudenken, was dieser erzählt.

 

2. Die Schwimmkünste des Autors sind irrelevant

 

Wenn das Internetlexikon Wikipedia beispielsweise die „überraschende“  Deutungsvariante in Hinblick auf Kafkas Erstlingswerk Das Urteil zitiert, dass es „eine symbolische Abnabelung vom Elternhaus begründe“, dann ist das schlicht und einfach pure Phantasie bzw. Wunschdenken. Wikipedia belegt das damit, dass in der Erzählung kein Hinweis auf den tatsächlichen Tod Georgs erhalten sei, so dass Georg Bendemanns Sprung von der Brücke als Loslösung und Wiedergeburt, als Eintritt in ein selbstbestimmtes Leben an der Seite der selbstgewählten Frau verstanden werden könne. Selbstverständlich steht jedem eine solche Interpretation frei. Nur erzählt uns Franz Kafka das genaue Gegenteil. Schließlich wird der Protagonist zum Tode verurteilt und die Tatsache des Urteils wird der Geschichte sogar als Titel überschrieben. Also ertrinkt Georg. Erst kommen die Fakten, dann die Interpretation.

 

Da hilft auch kein Hinweis darauf, dass der Autor selbst ein hervorragender Schwimmer gewesen sei. Letztes ist ein Paradebeispiel für die Kontaminierung eines literarischen Textes durch fremdes, in diesem Falle autobiografisches Material. Wenn Kafka gewollt hätte, dass wir annehmen sollen, dass sein Protagonist sich von dem Terror des Vaters im Freischwimmbad erholt, dann hätte er uns das erzählen können. Hat er aber nicht. Sondern dass Georg Bendemann in seinen Jugendjahren ein ausgezeichneter Turner war. Aber man sieht an diesem Beispiel, welche gewaltigen inneren Kräfte bei der Lektüre am Werk sind. Das ist auch ganz in Ordnung. Nur wollen wir ja wissen, was uns Franz Kafka erzählt und nicht ein Volker Drüke, so heißt nämlich der Erfinder des Happy Ends.

 

3. Die Geschichte: ihr Ende

 

Sehen wir uns das Ende der Erzählung genauer an: „Aus dem Tor sprang er, über die Fahrbahn zum Wasser trieb es ihn. Schon hielt er sich am Geländer fest, wie ein Hungriger die Nahrung. Er schwang sich über, als der ausgezeichnete Turner, der er in seinen Jugendjahren zum Stolze seiner Eltern gewesen war. Noch hielt er sich mit den schwächer werdenden Händen fest, erspähte zwischen den Geländestangen einen Autobus, der mit Leichtigkeit seinen Fall übertönen würde, rief leise: „Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt“, und ließ sich hinfallen.  – In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr.“

Das ist ein meisterhaft geschriebenes Ende. Der Autor war sich dessen bewusst und sah sich fortan als berufener Schriftsteller. Aber es handelt sich hier eben nicht nur um das Ende der Erzählung, sondern auch um das des Georg Bendemann, der das ende sogar im Namen trägt.  Wenn jemand in voller Montur von der Brücke springt, vorher nach allen Regeln der Kunst fertiggemacht wird und sozusagen im letzten Atemzug an seine lieben Eltern denkt, dann lautet die gängige und logische Assoziation: Suizid.

 

Der Autor selbst soll laut seinem Freund Max Brod beim letzten Satz der Geschichte in Bezug auf den unendlichen Verkehr an eine starke Ejakulation gedacht habe. Ob das ein Joke, Zynismus oder Interpretation ist, sei vorerst einmal dahingestellt, für uns ist das im Moment irrelevant. Die Brücke ist ein Übergangsmedium – in diesem Falle wörtlich:  zum Unendlichen, also vermutlich doch zum Jenseits – das ist Interpretation, aber zunächst die naheliegende.

                                                                                ...

 Sowohl das Gemeinsame als auch das Gegensätzliche von Vater und Sohn bestimmt sich durch ihr Verhältnis zur der Zeit. Dem Vater bleibt nicht mehr viel Zeit, der Sohn vergisst immer gleich alles, d.h. er befindet sich nicht recht in der Zeit. In einer Tabelle zusammengefasst ergeben sich folgendes Bild:

 

 

 

 

 

                     Vater                        Sohn                                                                                  

 

 

War lange, das Gesicht dem Fenster zugekehrt, an seinem Schreibtisch gesessen. Kaum ein abwesendes Lächeln für einen vorübergehenden Bekannten. (geistesabwesend)

liest Zeitung (Zeit)

folgt den Bewegungen des alten Mannes ganz verloren (geistig abwesend)

     ....                                                   ....

 

 

 

 

 

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