Interpretationsansätze

Im Laufe der Zeit haben sich drei Interpretationsansätze des Woyzeck-Fragments herausgebildet: der religiöse, der existentialistische und der soziale. Jeder dieser Ansätze kann gewisse Passagen für sich in Anspruch nehmen, andere muss er ignorieren oder umdeuten. Der von Büchner exzessiv dramatisierte Mordkomplex ist mit keinem der drei kompatibel, er verlangt eine Deutung des Beziehungskomplexes der männlichen und der weiblichen Hauptfigur. Auch das Eifersuchtsmotiv ist nicht hinreichend um die rituell aufgeladene Mordhandlung zu erklären. Um hier weiterzukommen, muss das Publikum die allegorischen Aspekte des Dramenfragments verstehen bzw. entschlüsseln. Eine Allegorie ist eine Erzählweise, in der die ganze Geschichte eine zweite, zusätzliche Bedeutung erhält, beide Ebenen sind unabhängig voneinander verständlich und sinnvoll, allerdings enthält die verdeckte Ebene den eigentlichen Kern der Geschichte. Modernes Beispiel ist Orwells Farm der Tiere. Auch die Bibel enthält allegorische Texte. Ein Beweis (u.a.) für die Notwendigkeit einer Allegorese (Entschlüsselung der Allegorie) ist die Märchenparabel, eine ganz offensichtlich doppeldeutige Textform. Sie zwingt sozusagen dazu, das ganze Drama entsprechend mehrdeutig zu verstehen.