Hasenlied

"Saßen dort zwei Hasen, fraßen ab das grüne, grüne Gras", setzt Andres sein Lied fort, dessen Anfang Georg Büchner zuverlässig im Gedächtnis des Publikums vorausgesetzen durfte, nachdem Woyzeck anklingend an Shakespeares Hamlet, eine Art Geisterscheinung zitiert. Bislang sieht die Woyzeck-Rezeption keinen Zusammenhang zwischen Woyzeck düsterem Zitat und dem vermeintlichen Volks- bzw. Kinderlied. Hier der Figur Andres unschuldige Naivität zuzusprechen, wie in einer Dissertation an der Marburger Universität, dem Sitz der Forschungsstelle Georg Büchner kürzlich geschehen, ist grundfalsch. Denn im vorausgegangenen zweiten Handschriftenentwurf singt Andres eine explizierte (offengelegte) Jagdallegorie mit einem anderen Hasenlied ("...läuft dort e Has vorbei, frägt mich ob ich Jäger sei ...") und teilt darin mit, dass er "nicht schießen" könne. Hier haben wir es mit einer für ein damaliges Publikum kaum verdeckten sexuellen Anspielung zu tun, die dadurch unterstrichen wird, dass das unser bekanntes Hasenlied "Zwischen Berg und tiefem tiefem Tal" in diesem zweiten Handschriftenentwurf noch den Handwerskburschen beim Urinieren in der Wirtshausszene zugeteilt wird in einschlägigem Kontext: "Leucht mir einmal mit dem Mond zwische die bein ob ich mein Schatte noch hab / fraßen ab das grüne grüne Gras ... Sternschnuppe, ich muss den Stern die Nas schneuze ..." Jede kompetente Hermeneutik muss sich darüber im Klaren sein, dass "Mond", "Schatten", Sternschnuppe", "Nas schneuzen" sexuelle Vorgänge codieren, genauso wie über die Tatsache, dass hiermit im Drama zum dritten Mal untere Körperausscheidungen verhandelt werden. Der zeitgenössische Sprachgebrauch fasste alle sexuellen Handlungen, die der christlichen Moral zuwiderliefen, unter Sodomie, die im Woyzeck-Fragment durch animalische Anspielungen und auch durch die Verschränkung von groß und klein paraphrasiert wird, erst recht aber durch Woyzecks Vision des Untergangs von Sodem etwas später in der Exposition. Unser Hasenlied legt in einer speziellejn zeitgenössischen Fassung den Geschlechtsverkehr unter oder mit Minderjährigen offen. 

Mehr dazu in: Georg Büchner. Dichter, Spötter, Rätselsteller. Entschlüsselungen, Wien 2012.

 

 

 

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