Hasenlied

"Saßen dort zwei Hasen, Fraßen ab das grüne, grüne Gras", singt Andres - anscheinend beziehungslos in der Anfangsszene. Aber Woyzecks "ja Andres" ganz am Anfang weist darauf hin, dass seine merkwürdige Eingangsrede bereits eine Antwort darstellt - und zwar auf den Anfang des Liedes "zwischen Berg und tiefem tiefem Tal", den Büchner weggelassen hat. Man muss das also selbst vervollständigen. Das Stück begänne dann mit Andres' Gesang. Genauso sieht das übrigens in der früheren Fassung aus (nur mit einem anderen Lied).

Aber was soll dieses Kinderlied? Man kann es nicht einmal Woyzecks Geisteszustand zuschreiben, denn es ist der Kamerad Andres, der singt. Man muss sich das Lied also etwas genauer anschauen. Bevor es ein Kinderlied wurde, sangen es Studenten und mit den Hasen waren keineswegs die realen Tiere gemeint, sondern es sind Symbole der Fruchtbarkeit oder Allegorien der Sexualität - wie beim Playboy-Logo. Der Jäger, der in dem heute noch gängigen Kinderlied dann auftritt, schießt daher nicht mit dem Gewehr ... deswegen können die Hasen auch anschließend davonlaufen. Dass es hier um Sexualität geht, belegt die frühere Fassung. Hier steht das Lied noch nicht in der Eingangsszene, sondern wird von stockbetrunkenen Handwerksburschen beim Urinieren gesungen, während sie über Onanie und Homosexualität lallen. Woyzecks dunkle Rede über den verfluchten Ort ist daher eine Replik auf Andres' Thematisierung einer Perversion. Die Szene beginnt sozusagen in Sodom und Gomorrha.

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