Die Stimme aus dem Boden

Woyzecks Wahnsinn und die daraus folgende Mordhandlung ist der größte Stolperstein für die gängigen Woyzeck-Interpretation. Wenn das Fragment (eine fertige Fassung seitens des Autors gibt es bekanntlich nicht) in erster Linie ein Sozialdrama sein soll, dann muss man sich doch fragen, warum Georg Büchner seiner Hauptfigur durch den vorsätzlichen (!) Mord an der weiblichen Hauptfigur (die ursprünglich Margreth Woyzeck  (!) heißt), alle Sympathie entzieht. Wahnsinn auf der Bühne (vgl. das aktuelle Musical "Wahnsinn" mit Wolfgang Petrys Schlagern) spielt auf eine ekstatische höhere oder auch tiefere Dimension an, von der Woyzeck den Mordauftrag bekommt. Das Ernährungsexperiment hat damit nichts zu tun, denn die Stimme aus dem Boden ertönt bereits in der ersten Fassung, in der es weder einen Hauptmann noch einen Doktor gibt. Außerdem hätte man zu Büchners Zeit für ein solches Experiment (die gab es wirklich) keinen Wahnsinnigen genommen, die Ergebnisse wären nämlich in solch einem Fall wissenschaftlich wertlos.  Der Mordauftrag hat also, das müsste bei jeder Interpretation die Ausgangshypothese sein, möglicherweise einen tieferen (gegebenenfalls zunächst verdeckten) Sinn. Er enthüllt - das ist eine extrem wichtige Beobachtung - als einzige Instanz den Familiennamen des Opfers. In der Figurenrede ist dieser ansonsten in keiner Fassung enthalten. Das gibt zu denken ...