Das Ritual

Bereits der renommierte Germanist Reinhold Grimm registrierte in text und kritik 1979 den rituellen Charakter der Hinrichtung der weiblichen Hauptfigur im Woyzeck. Zuerst gibt es das zeremonielle Lied, dann das Kreisspiel (mit dem Symbol Reinigung) und schließlich die Märchenparabel. Ein Ritual ist eine nach vorgegebenen Regeln ablaufende, meist formelle und oft feierlich-festliche Handlung mit hohem Symbolgehalt. Auch die Stimme aus dem Boden ("stich die Zickwolfin tot") gehört in diesen Zusammenhang. Solch eine symbolische und dramaturgische Aufladung einer Handlung bedarf eines wichtigen Grundes. Ein Seitensprung reicht dazu nicht aus. Und schon gar nicht kann das Ernährungsexperiment damit in Verbindung gebracht werden, denn erstens spielt es in dem Ritual keine Rolle, zweitens existiert es in dieser frühesten Entwurfsstufe des Woyzeck noch gar nicht. Ein derart exponiertes Ritual verweist auf einen gravierenden Tabubruch. Die Märchenparabel demenstsprechend auf das geschädigte Kind, der Vorwurf an die weibliche Hauptfigur betrifft die sexuelle Verfehlung. Im Brennpunkt des Dramas werden beide Motive zu einem verdichtet. Auf der höchsten Stufe der Komprimierung entsteht daraus Inzest und Muttermord. Als Probe für diese Interpretation lohnt es sich, in den weiteren Szenen des Dramas auf Woyzecks Mutter zu achten.

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