Büchners "Sonne"

Üblicherweise steht die Sonne als "Symbol  des Lebens" für Bewusstsein, göttliche Erkenntnis und Selbstreflexion (Metzlers Lexikon literarischer Symbole). Auch das Büchner-Handbuch erläutert dieses Bild dementsprechend. Das führt indes zu völlig falschen Interpretationen. Wenn Danton sagt: "Es ist, als brüte die Sonne Unzucht aus", dann verwendet er diesen Begriff nicht als Symbol in der gängigen Licht-Bedeutung, sondern als Quelle der ins Sexuelle übertragenen Hitze. Brisant: unterschwellig zielt diese Chiffre auf das Mütterliche. So spricht beispielsweise auch Shakespeares Hamlet über seine Mutter als "Sonne". Und in einer Nebenrolle in Dantons Tod wärmt sich eine Mutter, die ihre Tochter zur Prostitution zwingt und daraus sinnliches Vergnügen zieht, mit der Sonne. 

Wenn Woyzeck in Anbetracht Maries, dies sich mit dem Tambourmajor vergnügt voller Verzweiflung darum fleht, das Gott die Sonne ausblasen soll, weil sich alles in Unzucht übereinander wälzt, dann muss man hier infolgedessen sehr genau hinsehen. Später nämlich bezeichnet sich Marie selbst als "Sonne" und stößt dabei ihr Kind weg. Unmittelbar danach verbindet Woyzeck seine Mutter mit der "Sonne". 

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