Twilight Language im Werk Georg Büchners

 

Als Twilight Language (im Folgenden als TL abgekürzt) wird eine Sprache mit Wörtern und Sätzen bezeichnet, die mehr als eine Bedeutung hat: eine offene exoterische und eine verdeckte esoterische.[1] Die Allegorie der klassischen Rhetorik stellt eine spezifische Form der TL dar, es gibt aber auch andere Formen, TL ist der umfassendere Begriff. Die Struktur der Metaphern, Symbole und allegorischen Zeichen innerhalb dieses Systems bezieht sich auf das gleiche allgemeine Phänomen, ursprünglich religiös-okkulter Natur, in weiterem Sinn ist sie Kennzeichen des Ästhetischen überhaupt.

Im Falle von Goethes Erlkönig kann man TL wie unter einem Mikroskop studieren. Sohn und Vater beziehen sich jeweils auf ihren Aspekt einer bestimmten Wirklichkeit, die sich z. B. als Unbewusstes und Bewusstsein zeigen kann: Der eine spricht vom ‚Erlkönig‘, der andere von ‚rauschenden Blättern‘. Ein gängiges exoterisches Verständnis identifiziert den ‚Erlkönig‘ mit dem Tod, verfehlt damit aber Form und Inhalt der Ballade.[2] Goethe hat den Tod in seinem Werther geradezu verherrlicht. Von der offenischtlichen Missbrauchsthematik abgesehen, gestaltet Goethe in seiner Ballade eine im Menschlichen angelegte Polarität, die unter bestimmten und gar nicht mal seltenen Umständen in einen extremen Dualismus ausartet.

 Unsere Existenz beinhaltet Mehrdimensionalität, deren alltägliche Verwirrung zu durchwandern, zu durchschauen und zu erlösen eine der Herausforderungen, wenn nicht die Eigentliche überhaupt des menschlichen Daseins darstellt und von Literatur und insbesondere TL entfaltet wird. Die gestaltete Polarität (in der Kunst: Stoff und Form) erzeugt eine dritte Dimension, poetisch ausgedrückt: das (göttliche) Kind, operationalisiert im Spiel mit dem Schönen. [3] George Orwells Newspeak in 1984 stellt eine spezifische Form von TL dar. Werbung und Propaganda sprechen TL (und manipulieren damit) mehr oder weniger perfekt, man soll das im Sinn haben.[4]

Im Qualitativen ist Mehrdimensionalität von Ethik nicht zu trennen, [5] die hauptsächlich im Quantitativen operierenden Disziplinen haben dieses Problem so nicht: Wo wären Mathematik und Naturwissenschaften, wenn sie nicht ohne Scheu vor dem Quantitativ-Irrationalen, Imaginären (der Infinitesimalrechnung, den komplexen Zahlen, den Anomalien der Physik usw.) dessen logische Verknüpfungen nicht so lange durchexerzieren würden, bis sie dem Quant in Fleisch und Blut übergehen?

Georg Büchners nachgelassenes Dramenfragment, nachträglich allgemein als Woyzeck betitelt, [6] besteht vergleichsweise nur aus TL.[7] Aber auch in seinen drei anderen Werken Dantons Tod, Lenz und Leonce und Lena spielt sie eine wesentliche Rolle.

Ich beleuchte exemplarisch die ersten und letzten Zeilen, die der früh verstorbene Autor verfasst hat. Sie umklammern ‚das gleiche allgemeine Phänomen‘ bzw. einen spezifischen Aspekt desselben. Im Hinblick auf die historischen Vorlagen liegen das Revolutionsdrama und das Dramenfragment weit auseinander. Dort ein Danton im Zentrum der Macht während der Schreckensherrschaft der Französischen Revolution, und ja, er heißt bei Büchner ‚Georg‘, wie sein Verfasser, nicht ‚Georges‘, wie die historische Vorlage.[8] Hier ein Woyzeck, ein heruntergekommener ehemaliger Soldat, den der Autor stark idealisiert.[9] Beide haben mit den geschichtlichen Figuren kaum noch etwas gemein,[10] was die exoterische Interpretation konsequent ignoriert, der Aspekt der Camouflage scheint geradezu tabu, obwohl der Vorname des Revolutionshelden bzw. die beiden fehlenden Buchstaben ‚es‘ die TL explizit ankündigen.[11] Wir sehen Büchners literarisches Werk umklammert von einem Georg Danton, zu Füßen seiner ihm angetrauten Julie über den Eros lamentierend, während an dessen Ende Woyzeck sein Testament macht und sowohl er als auch seine Marie in den beiden letzten Szenen der sogenannten Hauptfassung (H4, 16 und 17) des Dramenfragments vor den Scherben ihrer Existenz stehen.

DANTONS TOD

{1}[12]

Hérault-Séchelles, einige Damen (am Spieltisch), Danton, Julie. (etwas weiter weg, Danton auf einem Schemel zu d. Füßen von Julie)

DANTON. Sieh die hübsche Dame, wie artig sie die Karten dreht! Ja wahrhaftig sie versteht’s, man sagt sie halte ihrem Manne immer das cœur und anderen das carreau hin. Ihr könntet einen noch in die Lüge verliebt machen.

Die TL operiert hier mit Metaphern aus dem Kartenspiel. Die Karten und deren Bilder befinden sich über dem Tisch, die Bedeutung unter der Gürtellinie: ‚Carreau‘ steht für das weibliche Geschlechtsteil. Dantons Bemerkung stellt als Zote einen Affront gegenüber seiner Frau Julie dar [13], die TL behandelt selbige indes nicht als Person, sondern als Archetyp der Großen Mutter bzw. Mutter Erde[14], Danton sitzt wie ein Kind zu ihren Füßen, die Explikation (der Klartext) der TL folgt wenig später.[15] Typisch für die TL und sozusagen der Lackmustest für ihren Nachweis sind kleine logische Brüche an der Oberfläche: Der aus dem Kartenspiel entliehene Gegensatz von [16]

Die TL führt stellt nicht zwei Persönlichkeiten auf die Bühne, schon gar keine historischen, sondern das (partiell kollektive) Unbewusste eines Autors, der sich hinter „man sagt“ und „die Leute sagen“ versteckt. Dantons Lamento eignet etwas ausgesprochen Infantiles, Büchner legt es Camille in den Mund: „Du sprichst in einem ganz kindlichen Ton.“ (II,1) Deswegen sitzt Danton wie ein Kind zu Füßen Julies. Seine Klage über die Opposition von cœur und carreau hat einen ausgesprochen ödipalen Grundton, beinhaltet in Mutter-Kind-Beziehungen einen Tabubruch und tragische Verstrickung.[17] Büchner metaphorisiert Dantons revolutionäre Aktivitäten des Öfteren als (göttlich-inzestuöse) Zeugung: „Danton wagte sich an seine Mutter, aber sie war stärker als er.“ (III,1)

Eine besondere Bedeutung kommt in Büchners TL dem Symbol SONNE zu. Sie steht nicht für ‚geistiges Licht‘ und ‚Bewusstsein‘,[18] sondern für die mütterliche Kernschmelze von cœur und carreau, die Danton in der Exposition des Revolutionsdramas verbal, wenngleich indirekt, anvisiert bzw. sogar einfordert. Gleich in der nächsten Szene (I,2) führt uns der Autor das Thema ein zweites Mal aus einer anderen Perspektive vor. Und wieder geht es um das carreau, indes nun sehr viel direkter. Der Souffleur Simon, selbstironisches alter Ego des Autors, verlangt lautstark nach einem Messer um sein Weib („in jeder Runzel deines Leibes nistet Unzucht“) zu erstechen. Es geht um die gemeinsame Tochter und paradox eloquent um das, was eine eindimensionale Sprache nicht spiegeln kann:

SIMON. Wo ist die Jungfrau? Sprich! Nein, so kann ich nicht sagen. Das Mädchen! Nein auch das nicht; die Frau, das Weib! Auch das, auch das nicht! Nur noch ein Name! Oh der erstickt mich! Ich habe keinen Atem dafür.

Simons weib (bezeichnenderweise namenlos) repliziert zunächst in TL:

WEIB. Seht ihr, ich saß da so auf einem Stein in der Sonne und wärmte mich seht ihr, denn wir haben kein Holz, seht ihr –

Das dreifache „seht ihr“ in einer Figurenrede, die ansonsten in keiner Weise mit ihrem eigentlichen, unmittelbar anschließend zur Sprache kommenden Gegenstand verknüpft, d.h. sachlich nichtssagend ist, kommt einem Wink mit dem Zaunpfahl gleich.[19] Simons Weib assoziiert sich mit einer SONNE, von der Danton etwas später sagt (II,2): „Ich wittre was in der Atmosphäre, es ist, als brüte die Sonne Unzucht aus.“ Im Woyzeck-Fragment bleibt es nicht bei dem bloßen Ruf nach einem Messer.[20] Die Explikation der SONNE im Fall von Simons Weib hört das Publikum von ihr selbst:

WEIB. Du Judas, hättest du nur ein Paar Hosen hinaufzuziehen, wenn die jungen Herren die Hosen nicht bei ihr herunterließen? Du Branntweinfaß, willst du verdursten, wenn das Brünnlein zu laufen aufhört, he? Wir arbeiten mit allen Gliedern warum denn nicht auch damit; ihre Mutter hat damit geschafft wie sie zur Welt kam und es hat ihr weh getan, kann sie für ihre Mutter nicht auch damit schaffen, he? Und tut’s ihr auch weh dabei, he? Du Dummkopf!

TL funktioniert assoziativ, suggestiv, sie bildet Mosaik aus Antagonismen und Fragmenten. [21] Ihr Licht ist das des Mondes.[22] In Büchners TL begegnet dem Publikum in der SONNE die SONNE des Ikarus. Sie leuchtet nicht, sie brennt. Wir haben es hier mit der frühen Sonne von Kinderbildern zu tun, einem ursprünglichen Symbol für mütterliche Wärme.

Büchners dichterisches Werk stellt in gewisser Weise eine frühe Generalabrechnung mit dem aufkommenden idyllisierten Bild der bürgerlichen Familie dar, wie es beispielsweise auch von seinen Geschwistern Luise und Alexander in ihren Autobiographien gezeichnet wird. [23] Simon möchte sein Weib erstechen, Woyzeck desgleichen, Lenz sucht Asyl bei der Pfarrersfamilie und verliert sich masturbierend in Mutter Natur, [24] während es in der Komödie Leonce und Lena im Lichte der TL zur väterlich arrangierten Geschwisterheirat von (Leonce) Popo und (Lena) Pipi kommt, alles (trotz Leonces halbherzigen Selbstmordversuchs) ausgesprochen gut ausgeht und in der Idylle des Kinderzimmers landet. Hier gibt es indes auch keine Mutter, sondern nur eine Gouvernante, sozusagen ein Sicherheitsabstand zur SONNE, wenngleich das Inzesttabu aus dem Hintergrund (Geschwisterinzest) droht: Die Gouvernante sieht in Lena ein wahres Opferlamm“, seliges repliziert: „Jawohl – und der Priester hebt bereits das Messer.“ (I,4)[25]

 

WOYZECK

Man wird dem Dichter Büchner und seinem Werk (im Woyzeck-Fragment insbesondere der rhetorischen Virtuosität) nicht gerecht, wenn man nicht das analytische Potenzial der TL ausschöpft. Büchner schreibt für ein anspruchsvolles intellektuelles Publikum, er sieht seine ausschließlich männlichen Kommilitonen vor sich, wenn er in der ursprünglichen Eingangsszene des Dramenfragments den Marktschreier sein Publikum mit „meine Herren, meiner Herren“ anreden lässt. (H1,1) Die zeitgenössischen Studenten hätten die Anspielungen auf Sodomie (wozu auch Pädophilie, als TL  = animalisch + klein + groß gehörte), auf Shakespeares Hamlet, auf übliches  Professorenverhalten sowie sexuelle Jagdallegorien verstanden. Nicht zuletzt gehören die zu singenden allegorischen Lieder und insbesondere auch die Märchenparabel des missbrauchten Kindes explizit zur TL. Diese kulminiert in den letzten beiden Szenen der sogenannten Hauptfassung des Woyzeck-Fragments, vermutlich dem Letzten, was Büchner überhaupt verfasst hat, zu einer spektakulären Anagnorisis von Marie und Woyzeck, jeder für sich, aber unterschwellig als Mutter und Sohn kommunizierend. So verdeckt, dass sie sich nicht an der Oberfläche bemerkbar macht, ist die TL nicht: Marie spricht von ihrem Kind, Woyzeck von seiner Mutter. Marie liest in der Bibel, Woyzeck in der Bibel seiner Mutter und er findet darin „schönes Gold“, das für nichts anderes als für Maries goldene Ohrringe steht. Kurz nachdem Woyzeck sich bei dem Juden ein Messer kauft (eine demonstrative Redundanz, denn Woyzeck schneidet in der Eingangsszene des Dramenfragments mit einem Messer Stöcke) ruft Marie, nachdem sie in der Bibel über den Ehebruch gelesen hat, den Satz aus: „Das Kind gibt mir einen Stich ins Herz. Fort! Das brüht sich in der SONNE. (H4,16) Der Nebentext verlangt zwar, dass das kleine Kind sich dabei an die Mutter drängt, so dass die manifeste Bedeutung des ‚Kindes‘ zweifellos metaphorisch gemeint ist. Allerdings macht das keinen Sinn, der weitere Kontext, der Messerkauf und die innere Stimme des Protagonisten („stich die Zickwolfin tot“) sowie die das Drama durchziehende TL (Märchenparabel, Budenszenen, allegorische Lieder usw.), d.h. die Erinnerung und das seitens des Autors angesprochene Bewusstsein des Publikums, also nicht weniger als die gesamte Dramaturgie des Dramenfragments verlangt die latente wörtliche Bedeutung, und erkennt denjenigen, der Marie den physischen Stich ins Herz geben soll, ihr Kind.[26] (Übrigens nennt die Stimme aus dem Boden[27] das Opfer in der ersten Entwurfsstufe, die tatsächlich die Hinrichtung vollzieht, ‚Woyzeck‘.[28]) In der letzten Szene (H4,17) macht Woyzeck sein Testament und spricht abfällig von seiner Mutter als SONNE. Seine Gedanken können sich nur auf diejenige beziehen, der seine Besessenheit schon die ganze Zeit gilt.[29] Die Personifikation und teilweise auch die Explikation der TL im Dramenfragment stellt der Narr dar. Er ist in Maries Szene einbezogen und gibt die entscheidenden Stichworte.[30]

Die Interpretation der TL erfolgt zwar unter Einbeziehung des Rationalen, ist aber nicht ohne den Schatten des Irrationalen in der Tiefe der eigenen Psyche zu bewerkstelligen.[31] Zudem ist sie als Teil kritischer Wissenschaft latent politisch unbequem und stellt sich möglicherweise kontrovers zu den geltenden Paradigmen. Exoterische Interpretation der TL führt im Falle Büchners zwangsläufig in die falsche Richtung, insofern ist Nicht-Interpretation (vgl. Susan Sontags Against Interpretation) manchmal das kleinere Übel.[32]

 

 

 



[1] Das Verhältnis von offener exoterischer zu verdeckter esoterischer Bedeutung ist Teil der literarischen Form, wie auch der künstlerischen Freiheit und kann beliebig variieren. Die esoterische Dimension beweist ein Briefwechsel Theodor Fontanes mit seinem Schriftstellerkollegen Friedrich Spielhagen über das Ereignis, das den beiden Romanen Effi Briest und Zum Zeitvertreib (Spielhagen) zugrundeliegt. Fontane schreibt am 21. Februar 1896 an Spielhagen: „Der Brief war schon im Couvert, aber ich nehme ihn noch einmal hinaus, um noch folgendes hinzuzufügen, was keinen Menschen interessieren kann aber einen Romancierkonfrater, meiner Meinung nach, interessieren muss. Die ganze Geschichte ist eine Ehebruchsgeschichte wie hundert andere mehr und hätte, als mir Frau L. davon erzählte, weiter keinen großen Eindruck auf mich gemacht, wenn nicht (vergl. das kurze 2. Kapitel) die Szene bez. die Worte: ‚Effi komm‘ darin vorgekommen wären. Das Auftauchen der Mädchen an den mit Wein überwachsenen Fenstern, die Rotköpfe, der Zuruf und dann das Niederducken und Verschwinden machten einen solchen Eindruck auf mich, dass aus dieser Szene die ganze Geschichte entstanden ist. An dieser einen Szene können auch Baron A. und die Dame erkennen, dass ihre Geschichte den Stoff gab.“ (Die Bedeutung, die diese Worte für den Autor haben ergibt sich aus den gleichlautenden Namen der Rufenden ‚Hertha‘ und des ‚Herthasees‘ in Fontanes Roman, ein der altgermanischen Fruchtbarkeitsgöttin geweihter Kultort auf Rügen.) Spielhagens Antwort am 23. Februar 1896: „Dass eine Ihnen mitgeteilte Szene die Keimzelle zu Ihrer ganzen Geschichte wurde, ist mir keineswegs überraschend, aber ein interessanter Beitrag zu dem geheimnisvollen Kapitel der Genesis von Dichtungen. – So konnten Sie sich freilich leichter von der Erdenschwere der Wirklichkeit befreien, die meinem Roman, fürchte ich, anhaftet. – Und nicht wahr, wie beiden alten Auguren behalten unsere Geheimnisse schweigend für uns, wie es den Geweihten ziemt.“ (Zitiert nach den Anmerkungen zu Effi Briest in der 3. Aufl. 1984 von Fontanes Romanen und Erzählungen  im Aufbau Verlag, Berlin, 525f und 532.)

[2] Exemplarisch dazu Wikipedia: „Die meisten Interpretationen des Gedichts gehen von der Nicht-Existenz dessen aus, was der Knabe wahrnimmt. Sie sehen (wie der Vater) den Erlkönig als bloße Ausgeburt von Angst- und hohen Fieberträumen und als Ausdruck der Krankheit des Knaben, die ihn am Schluss der Ballade tötet.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Erlk%C3%B6nig_%28Ballade%29, abgerufen am 22.05.2022. Dagegen Christian Milz: Sterbende Kinder sehen keinen Erlkönig. https://www.academia.edu/65083590/Sterbende_Kinder_sehen_keinen_Erlk%C3%B6nig_pdf

[3] Dazu Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen.

[4] Victor Klemperer analysiert TL in Form von LTI, (Lingua Tertii Imperii, Sprache des Dritten Reichs). Er bezeichnet „Sprachkritik“ als „Balanciertstange“ über dem Abgrund der Nazi-Diktatur. Interessanterweise verwendet Klemperer den Code des Lateinischen um ausdrücklich das Esoterische bzw. kritische Wissenschaft vom Exoterischen abzugrenzen. Im Hinblick auf Literaturwissenschaft: Albrecht Koschorkes Grundzüge einer allgemeinen Erzähltheorie Wahrheit und Erfindung hat weder die TL noch Schillers Briefe auf der Rechnung.

[5] Über den Zusammenhang von Ethik, Philosophie und Hermeneutik, insbesondere die Beziehung von Geist und Sinnlichkeit vgl. Panajotis Kondylis: Die Aufklärung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus. Das zentrale 1. Kapitel online: https://meiner-elibrary.de/media/upload/leseprobe/9783787316137.pdf

[6] Genauso gut oder besser könnte man das Drama beispielsweise Maries Tod titeln.

[7] Vgl.: Christian Milz: Georg Büchner. Dichter, Spötter, Rätselsteller. Entschlüsselungen, Wien 2012.

[8] Bereits das gehört zur TL, was selbst renommierte Literaturwissenschaftler, die die TL nicht berücksichtigen, schon einmal übersehen, wie Reinhold Grimm in seinem Aufsatz Cœur und Carreau. Über die Liebe bei Georg Büchner, Text und Kritik Georg Büchner I/II München 1979, 299.

[9] Ungeachtet dessen reproduziert die Büchner-Rezeption und sogar die Literaturwissenschaft die Polemik Büchners gegen den ‚Idalismus‘ aus seinen Briefen und dem Lenz distanzlos und unkritisch.

[10] Was nicht ausschließt, dass Büchner sich extensiv historischer Quellen bedient hat. Die Literaturwissenschaft verwechselt diesbezüglich Stoff und Form.

[11] Dafür spricht auch die teilweise bis zur Ununterscheidbarkeit reichende Ähnlichkeit der Figuren Danton, Woyzeck und Lenz insbesondere in Bezug auf die spezielle Ausformung des Wahnsinnsmotivs.

[12] Georg Büchner: Dantons Tod, Münchner Ausgabe (Karl Pörnbacher, 69)

[13] Einer eigenen ausführlichen Analyse wert wäre die für Büchners literarisches Werk bezeichnende Umwertung von Nähe und Distanz und die entsprechenden Brüche und Verwerfungen. Räumlich und als verheiratetes Paar sind Danton und Julie durch Nähe bestimmt, während Danton diese Nähe einerseits verweigert indem er sich auf die etwas entfernte Dame am Spieltisch bezieht, andererseits aber abrupt in deren Intimssphäre eindringt. Gleich darauf bestätigt Danton die geistig-psychische Distanz zu Julie: „Einander kennen? Wir müßten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren“, wobei diese Bemerkung in Engführung noch einmal Nähe (als unmöglich) denunziert und durch Invasivität (Schädeldecken aufbrechen) naturalistisch korrumpiert.

[14] Vgl. Erich Neumann: Die Bedeutung des Erdarchetyps für die Neuzeit, online in:  https://opus-magnum.com/autoren-und-werke-4/neumann-erich-dr-phil/

[15] DANTON. Nein höre! Die Leute sagen im Grab sei Ruhe und Grab und Ruhe seien eins. Wenn das ist, lieg‘ ich in deinem Schoß schon unter der Erde. Du süßes Grab, deine Lippen sind Totenglocken, deine Stimme ist mein Grabgeläute, deine Brust mein Grabhügel und dein Herz mein Sarg. (I,1)

[16] vgl. Anm. 30.

[17] Reinhold Grimm geht in seiner Eloge auf cœur und carreau in die ödipale und zudem noch selbst gestellte Falle, wenn er in seinem Aufsatz (Anm. 8) zunächst ganz richtig feststellt, dass Büchner Liebe und Tod in seinem Werk tragisch verschränkt (299), diesen Ansatz dann aber aus den Augen verliert: „Nicht cœur o d e r  carreau, so vieles auch dafür zu sprechen scheint, sondern cœur u n d carreau kennzeichnen die Liebe bei Georg Büchner. (315) […] Büchner war Erotiker u n d Revolutionär, war erotischer Revolutionär und revolutionärer Erotiker.“ (318) Grimm ist wie die Woyzeck-Rezeption bislang überhaupt, leider auch die vermeintlich wissenschaftliche, ein Beispiel dafür, dass Interpretation sich wie ein Fähnchen nach dem gerade wehenden Wind (hier dem 68er ff) dreht. Zur aktuellen Sekundärliteratur (insbesondere auch zu Gideon Stienings Literatur und Wissen im Werk Georg Büchners  Berlin 2019): Christian Milz: Das Kind gibt mir einen Stich ins Herz. Über einen in der Rezeption und der Sekundärliteratur ignorierten Satz des Woyzeck-Fragments. Online: https://www.academia.edu/45106946/_Das_Kind_gibt_mir_einen_Stich_ins_Herz_%C3%9Cber_einen_in_der_Rezeption_und_der_Sekund%C3%A4rliteratur_ignorierten_Satz_des_Woyzeck_Fragments

[18] Johannes F. Lehmann im Büchner Handbuch entgeht diese Tatsache.

[19] Der an das Publikum gerichtete Hinweis hinzusehen stellt ein klassisches Allegoriesignal dar. Vgl. Gerhard Kurz: Metapher, Allegorie, Symbol, Göttingen 1997.

[20] Das gilt insbesondere für den 1. Handschriftenentwurf, in dem die Hinrichtung der weiblichen Hauptfigur Margreth durch Louis ausführlich auf der Bühne abgehandelt wird. Zu dem Wandel und den Leerstellen in der Figurenbezeichnung sowie den Anomalien  im Dramenfragment vgl. Christian Milz: Über einen Satz im Woyzeck Fragment. Online: https://www.academia.edu/44954367/%C3%9Cber_einen_Satz_in_Georg_Bu_chners_Woyzeck_Fragment

[21] Die Symbolisierung Simons als „Branntweinfass“ (Vater) und „Brünnlein“ (Tochter) verweist wieder auf die Große Mutter und assoziiert ein groteskes Mutter-Kind Verhältnis, in dem die Tochter den Vater sozusagen  ‚stillt‘.

[22] Erich Neumann spricht im Hinblick auf das Symbol ‚Mond‘ auch vom „matriarchalischen Bewusstsein“: Über den Mond und das matriarchalische Bewusstsein“. Online: https://opus-magnum.com/autoren-und-werke-4/neumann-erich-dr-phil/ Weiteres zum Mond bei Georg Büchner siehe Milz, Anm. 7.

[24] z.B „: „[…] er stand, keuchend den Leib vorwärts gebogen, Augen und Mund weit offen, er meinte, er müsse den Sturm in sich ziehen, Alles in sich fassen, er dehnte sich aus und lag über der Erde, er wühlte sich in das All hinein, es war eine Lust, die ihm wehe tat.“ (Georg Büchner: Lenz, Anm 11, 138) Abgesehen von dieser Verschränkung von Natur, Lust und Wahnsinn schildert Büchner eine Masturbation Lenzens (142f), nach der er von seiner Mutter träumt.

[25] Zur unterschiedlichen Wertung der verschiedenen Formen des Inzests im Zeitalter der Aufklärung und danach: Hartmut Nonnemacher: Natur und Fatum. Inzest als Motiv und Thema in der französischen und deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 2002.

[26] In Dantons Tod (III,5) vermeint man den Klartest dazu zu vernehmen: „LAFLOTTE. >Vater nund Kind zugleich. Ein behaglicher Oedipus.<“

[27] vgl. die oben zitierte Passage aus Dantons Tod (I,1), die Erdmutter betreffend.

[28] Büchners Margreth in H1 stellt eine Anspielung auf Goethes Gretchen in Faust I und ihren Kindermord dar. Ausführlich dazu siehe Milz, Anm. 7 und Milz, Anm. 31

[29] Der Tötungsinzest – und um einen solchen handelt es sich im Dramenfragment schon dramaturgisch, auch ohne spezifische Entschüsselung der TL – stellt das Nonplusultra dramaturgischer Vertrickung dar: absolute Vereinigung mit gleichzeitig absoluter Befreiung. Dieser emotionale ‚Kurzschluss‘ landet zwangsläufig im Wahnsinn, tiefenpsychologisch gewendet im Unbewussten. Die tiefenpsychologisch und kulturwissenschaftlich maßgebliche Theorie findet sich bei Erich Neumann: Ursprungsgeschichte des Bewusstseins. Inzest als regressive Vereinigung mit dem (mütterlich) Unbewussten droht auf drei unterschiedlichen entwicklungspsychologischen Niveaus, Sucht und Selbsttötung stellen die beiden spätesten dar, letztere findet sich paradigmatisch in Goethes Werther als Vereinigung mit der (verstorbenen, himmlischen) Mutter der Geliebten. Woyzecks Muttertötung rangiert als (partiell) dem Inzest widerstrebend noch eine (halbe) Stufe darüber („doch möchte ich dem Himmel geben sie [ihre heißen Lippen] noch einmal zu küssen.“ (H1,15). Selbstverständlich hat die Interpretation auf verschiedenen Ebenen zu erfolgen, die biographische ist eher nebensächlich, aber keineswegs auszuschließen; interessant wird die Frage, was dieser Muttermord (einschließlich des im Dramenfragment im übertragenen Sinne auch vorhandenen Vatermordes, nur erfolgt dieser eher durch Totlachen der späteren Nebenfiguren Hauptmann und Doktor/Professor) symbolisiert: Exekution der ‚Mutter Natur‘?, der ‚Muttersprache‘ in der Form des klassischen Dramas, des Weiblich-Göttlichen durch den Materialismus? Hat die TL im Dramenfragment mit Mutter-und Vatermord gar eine rituelle Funktion im Hinblick auf die Etablierung einer (infragestehenden) literarischen Existenz? Frappierend ähnlich diesbezüglich Albert Camus Der Fremde, auch im Hinblick auf die SONNE, vgl. dazu: Christian Milz: Das Tor des Unheils, Lichtungen (Graz) 2007. Online: https://www.academia.edu/72620424/Das_Tor_des_Unheils_%C3%9Cber_Albert_Camus_Der_Fremde

[30] Mit „morgen hol ich der Königin ihr Kind“ antizipiert der Narr, wie auch Marie antizipiert, wenn sie an den physischen Stich ins Herz denkt, „Blutwurst“ und „Leberwurst“ beziehen sich auf Woyzeck und das Kind Christian in der Szene H3,2.

[31] Darauf will auch Platon in seinem Laches hinaus, wenn er Nikias sagen lässt:  „Du scheinst gar nicht zu wissen, daß wer der Rede des Sokrates nahe genug kommt, und sich mit ihm einläßt ins Gespräch, unvermeidlich, wenn er auch von etwas ganz anderem zuerst angefangen hat zu reden, von diesem so lange ohne Ruhe herumgeführt wird, bis er ihn da hat, daß er Rede stehen muß über sich selbst, auf welche Weise er jetzt lebt, und auf welche er das vorige Leben gelebt hat; wenn ihn aber Sokrates da hat, daß er ihn dann gewiß nicht eher herausläßt, bis er dies Alles gut und gründlich untersucht hat.“ Online: https://www.projekt-gutenberg.org/platon/platowr1/laches1.html

Weitere Aufschlüsselungen zum Dramenfragment bei Christian Milz, u.a. in: Über einen Satz in Georg Büchners Woyzeck-Fragment. Online: https://www.academia.edu/72620424/Das_Tor_des_Unheils_%C3%9Cber_Albert_Camus_Der_Fremde https://www.academia.edu/44954367/%C3%9Cber_einen_Satz_in_Georg_Bu_chners_Woyzeck_Fragment