Kriminalroman meets Woyzeck-Fragment. Hier der Detektiv, dort der Mord am Marie. Zur Debatte steht das Mordmotiv. Vordergründig scheint sich eine Eifersuchtsgeschichte mit einem brutalen Ernährungsexperiment zu verbinden. Jedenfalls glauben das alle, von der Bühne bis zu der Büchner-Forschung. Doch etwas kann daran nicht stimmen. Es gibt Indizien, die nicht in diese kriminalistische Konstruktion passen. Und verschiedene Gruppen, die nicht an der Wahrheit interessiert sind. Aber das hat noch keinen Detektiv gestört:

 

Den meisten von uns ist das Woyzeck-Drama noch aus der Schule bekannt; da es auf den Bühnen durchgehend präsent ist, liest man in der Zeitung immer mal wieder etwas über eine Aufführung. Woyzeck, ein einfacher Soldat und Proband eines Ernährungsexperiments, rackert sich für seine Lebensgefährtin und seinen kleinen Sohn ab, doch anstatt Anerkennung erfährt er nichts als Demütigung. Die Frau betrügt ihn mit dem Tambourmajor, sein Vorgesetzter malträtiert ihn psychisch, der wissenschaftsgeile Doktor ruiniert ihn rperlich. Erbsen sind das einzige, das der Soldat essen darf, dafür bekommt er ein paar Groschen täglich und muss seinen Urin abgeben. Franz Woyzeck halluziniert und hört schließlich eine Stimme aus dem Boden, die ihm aufträgt, die Zickwolfin totzustechen. So kommt es dann auch. Woyzeck kauft sich ein Messer, holt die Frau zuhause ab und geht mit ihr vor die Stadt. Sie setzen sich irgendwo hin, schweigen sich eine Zeitlang an, ein paar zähe Sätze, dann sticht der Soldat mehrmals zu. Schuld am Tod des weiblichen Opfers, so die einhellige Meinung, ist das System. Die eigentlichen Täter sind der Hauptmann und der Doktor als Repräsentanten kapitalistischer Ausbeutung. Im Hinblick auf die historische Vorlage, der wirkliche Woyzeck wurde in zwei Verfahren als zurechnungsfähig begutachtet und 1824 enthauptet, sieht man Büchners Drama auch als eine Revision des damaligen Gerichtsverfahrens an. Als poetisch abgehandelte Verurteilung einer unmenschlichen Justiz oder gar eines Justizmordes. Aber wenn Büchner den historischen Woyzeck hätte rehabilitieren wollen, dann hätte er ihn wohl kaum in die Nähe eines Eifersuchts- beziehungsweise Lustmörders gerückt, sondern die Tat heruntergespielt. Dass der Autor genau das Gegenteil unternimmt, dass er den Mörder Woyzeck in den Vordergrund stellt, macht die Argumentation zugunsten des Sozialdramas um das arme Soldatenschwein Woyzeck so aufwendig und umständlich. Um Woyzecks Schuld zu relativieren, sind komplexe Argumentationsstrategien unumgänglich, die immer wieder die Frage aufkommen lassen, warum uns der Autor das einbrockt. Vor kurzem hat der Literaturwissenschaftler Andreas Beck sogar gefordert, den Mordkomplex aus den Überarbeitungen von Büchners Woyzeck-Fragment zu eliminieren. Dabei wimmelt es in unserer Kulturlandschaft nur so vor kriminalistischer Intelligenz, und literarische Detektivfiguren sind Legion. Ein Sherlock Holmes, eine Miss Marple, ein Hercule Poirot, ein Jules Maigret, ein Sam Spade oder ein Miles Archer würden wohl kaum „Schluss mit dem Mordkomplex“ machen wollen, sondern das Motiv zu der Tat im Mordfall Zickwolf suchen.

 

 

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